Geschichte

Zur Geschichte des wohnbund e.V. ist anlässlich des 40-jährigen Jubiläums 2023 folgender Text in den wohnbund-Informationen 2024/1+2 erschienen.

40 Jahre wohnbund – 40 Jahre vielfältige „Dächer“

Tobias Bernet, Geschäftsführer wohnbund e.V.

„Die Ideen sind uralt, die Bewegung ist brandneu, das Vorankommen unsäglich mühsam“ – so wurde in einem Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung im März 1984 die Situation der „neuen Genossenschaftsbewegung“ beschrieben, deren Aufleben der Text konstatierte. Als „organisatorisches Dach“ für dieses „zarte Genossenschafts-Pflänzchen“ wirke der ein Jahr zuvor gegründete wohnbund e.V., berichtete der Artikel. Die Gründung war u.a. aus dem Umfeld des Deutschen Werkbund hervorgegangen, auf den auch der Name des neuen Vereins Bezug nahm. Die wichtigste „Integrationsfigur“ an dieser Schnittstelle war Klaus Novy, dessen Veröffentlichungen zur Geschichte der Genossenschaftsbewegung immer auch Aufrufe zur Rückbesinnung und Neuausrichtung in der Gegenwart waren.

Seither sind 40 Jahre vergangen, die neue Genossenschaftsbewegung und mit ihr der wohnbund haben inzwischen ihre eigene Geschichte. Auf diese soll im Folgenden kurz zurückgeblickt werden mit einem besonderen Augenmerk auf die unterschiedlichen Genossenschafts-Neugründungen, die im Umfeld des wohnbund immer wieder angestoßen wurden. Weil dabei stets Wert auf die Selbstorganisation der Bewohner:innen gelegt wurde, stand die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem organisatorischen „Dach“ der Gesamtgenossenschaft und der Autonomie kleinerer Einheiten wie Hausgemeinschaften immer wieder im Zentrum.

Hintergrund der wohnbund-Gründung war das seit den 1970er-Jahren andauernde Ringen um eine andere Wohnungsbau- und Stadterneuerungspolitik in der Bundesrepublik. Die im wohnbund-Umfeld Engagierten seien „die Übriggebliebenen […] aus der Summe jener Aktionen, die in den vergangenen Jahren gegen die offizielle Wohnungspolitik gerichtet war“, konstatierte der genannte Zeitungsartikel. „Die vielschichtige Hausbesetzer-Szene und die zahllosen Initiativen gegen Altbau-Abriss etwa.“ Der Kontext der Überwindung von „Kahlschlagsanierungen“ zugunsten einer behutsamen Stadterneuerung prägte mindestens das erste Jahrzehnt der wohnbund-Geschichte unübersehbar. Ein von wohnbund-Mitgliedern maßgeblich mitverantworteter Meilenstein der praktischen Umsetzung dieses neuen Leitbildes war bereits 1985 die Übernahme der Zechensiedlung Rheinpreussen in Duisburg-Homberg durch eine neu gegründete Genossenschaft der Bewohner:innen – nach jahrelangem Kampf gegen Abriss und Einzelprivatisierung. Weitere Genossenschaftsgründungen aus örtlichen Protestbewegungen gegen Abrisssanierungen gab es beispielsweise in Hannover-Linden (Selbsthilfe Linden eG, gegründet 1983), Berlin-Kreuzberg (Luisenstadt eG, gegründet 1986), Hamburg (Schanze eG und Drachenbau eG, gegründet 1987) und Oberhausen (Riwetho eG, gegründet 2001 nach einem jahrelangen Kampf um eine weitere Zechensiedlung). Dabei wurden oft Modelle der Selbstverwaltung einzelner Hausgemeinschaften unter dem Dach der Gesamtgenossenschaft etabliert.

Explizites Ziel des wohnbund war es von Anfang an auch, den geteilten Anliegen dieser lokalen Initiativen auf Bundesebene Gehör zu verschaffen, ihren Erfahrungsschatz zu übersetzen in (Real-) Politik. „Der zentrale Verein kann solche ‚Lobby-Aufgaben‘ wahrnehmen und zugleich örtliche Initiativen durch öffentliche Stellungnahmen stärken“, hieß es im ersten Positionspapier des wohnbund. In den 1980er-Jahren war hierbei das Schicksal des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes (WGG) ein zentrales Thema. Bereits im März 1984 veröffentlichte der Verein ein Forderungspapier zu dessen Reform, das vor einem Ausstieg aus der Gemeinnützigkeit warnte. Vergeblich, wie man heute weiß: Zum 31.12.1989 wurde das WGG aufgehoben. Diese Niederlage erscheint symptomatisch für eine Art Dialektik in der Geschichte des wohnbund und der von ihm vertretenen Bewegung: Gemäß den Stellungnahmen und Forderungskatalogen, die im Laufe der Jahrzehnte verfasst wurden, ließen die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich immer stark zu wünschen übrig – und trotzdem nahmen immer wieder neue Gruppen den mühsamen Weg der Gründung eines Genossenschaftsprojektes auf sich. Den Rückschlägen auf bundespolitischer Ebene stand eine Ausbreitung der Praxis des Wohnens in gemeinschaftlichen, selbstverwalteten Wohnprojekten in zahlreichen Städten gegenüber. „Wohngruppenprojekte an der Schwelle zur Normalität?“, lautete das Titelthema einer Ausgabe der wohnbund-Informationen von 1996.

In diesem Zuge wurde in den 1990er-Jahren im Umfeld des wohnbund die Beratung von Wohnprojekten zu einem zunehmend professionalisierten Berufsfeld. Nach den bereits 1983 bzw. 1985 gegründeten Stattbau-Büros in Berlin und Hamburg entstanden u.a. die Wohnbund Entwicklungsgesellschaft Frankfurt und die WohnBund-Beratung NRW. In diesen Organisationen arbeiten bis heute Stadtplaner:innen und Architekt:innen interdisziplinär mit Sozialwissenschaftler:innen, Ökonom:innen und Jurist:innen zusammen. So entstand ein bundesweites Berater:innen-Netzwerk, das über die von Darmstadt nach Frankfurt am Main umgezogene und dort einige Jahre lang von der Stadtverwaltung geförderte Geschäftsstelle des wohnbund e.V. miteinander vernetzt blieb. Auch in den östlichen Bundesländern kam es nach der deutschen Wiedervereinigung zur Gründung von Beratungsbüros (Wohnbund-Beratung Dessau, Arbeitskreis Integriertes Wohnen Leipzig) sowie von neuen Wohnungsgenossenschaften. In den östlichen Stadtteilen Berlins ließ sich an ihnen der Wandel der Stadterneuerungs- und Wohnungspolitik ablesen: Von großflächigem Abriss waren die Altbaubestände, die etwa die SelbstBau eG (gegründet 1990) oder die Bremer Höhe eG (gegründet 2000) übernehmen konnten, nicht mehr bedroht, von spekulativem Verkauf, Umwandlung in Eigentumswohnungen und damit Verdrängungseffekten jedoch sehr wohl. Auch diese Genossenschaften nahmen Hausgemeinschaften mit einem Bedürfnis nach einer gewissen Autonomie auf und wurden so de facto zu Dachgenossenschaften.

In den westdeutschen Ländern gab es im gleichen Zeitraum (wohnbund-nahe) Genossenschafts-Neugründungen, denen zunehmend nicht mehr nur unmittelbare Betroffenheit oder örtlicher Mieter:innen-Protest zugrunde lag, sondern vermehrt auch das bewusste Agieren von Fachleuten, die auf ihre eigene, durch den Erfahrungsschatz einer „reiferen“ Szene geprägte Expertise bezüglich Wohnungswirtschaft, Genossenschaftswesen und Städtebaurecht zurückgreifen konnten. Die WOGE Nordstadt eG in Hannover (gegründet bereits 1988) oder die Wogeno München eG (gegründet 1993).

Mit dem Problem, dass die Vorgaben der öffentlichen Wohnungsbauförderung zu den Anforderungen gemeinschaftlicher Projekte oft nur schlecht passen, haben sich schon Generationen von wohnbund-Aktiven herumgeschlagen. Um die Jahrtausendwende zeichnete sich ab, dass auch abgesehen davon mit einem generellen Rückgang an Förderung gerechnet werden musste. 2002 löste das Wohnraumförderungsgesetz (WoFG) das Zweite Wohnungsbaugesetz ab, womit die Ära eines im Wesentlichen seit den 1950er-Jahren bestehenden wohnungspolitischen Rahmens endete. Der wohnbund anerkannte in einem Positionspapier, dass ein ursprünglich auf die Beseitigung der massenhaften quantitativen Wohnungsnot der unmittelbaren Nachkriegszeit ausgerichtetes Gesetzeswerk überholt war und die vorgeblich zielgerichtetere, dezentralere Orientierung des WoFG vernünftig erscheine. Er prognostizierte jedoch zutreffenderweise, dass die angedachten Mittel nicht ausreichen würden, um die komplexen Probleme der Wohnungsversorgung in einem Land zu lösen, das zunehmend in Regionen und Orte mit sozioökonomisch und demographisch divergierenden Entwicklungspfade zerfällt. Parallel dazu wurden die Auswirkungen der Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit zunehmend spürbar. In der Folge befasste sich der wohnbund in mehreren Publikationen und Veranstaltungen mit dem „Ausverkauf der Wohnungswirtschaft“ (so beispielsweise der Titel einer Tagung in München und des darauf basierenden Heftes der wohnbund-Informationen 2006/3+4).

In einer Zeit, in der Wohnungspolitik an sich kaum noch einen Stellenwert zu haben schien, konnte auch der 2000 erfolgte erneute Umzug der wohnbund-Geschäftsstelle nach München entsprechend symbolträchtig interpretiert werden. Jedenfalls formulierte das Team der neuen Geschäftsstelle im ersten dort konzipierten wohnbund-Informationen-Heft (2000/1) Rechtfertigendes dazu, wieso man sich nun „ausgerechnet“ in der „selbstzufriedenen, neureichen, barocken Metropole“ angesiedelt habe, „weit entfernt von den Brennpunkten wohnpolitischer Akzentsetzungen“. Doch die im gleichen Heft veröffentlichte Schilderung der Münchener Wohnungsversorgungslage zeigt, dass der dortige Erfahrungshorizont im Prinzip genau der richtige war, um sich in den folgenden Jahren mit einer sich in den allermeisten großstädtischen Lagen verschärfenden Wohnungskrise zu befassen: „Bestände […] mit bislang eher moderaten Mieten werden über kurz oder lang ihren Platz im Portfolio der Shareholder einnehmen […]. Was bleibt, ist das einzig stabile Segment der Genossenschaften. […] Nun kommen langsam wieder die Selbsthilfe- und Subsidiaritätsgedanken ins Spiel. […] Neue Initiativen gründen sich.“

Viele der nach der Jahrtausendwende gegründeten Genossenschaften planten von Anfang an Neubauprojekte, so etwa die die Wagnis eG in München (gegründet 2000), die Wohnsinn eG in Darmstadt (gegründet 2002), oder die Möckernkiez eG in Berlin (gegründet 2009). Sie stehen – wie auch Genossenschaften der vorangegangenen Gründungswellen, die teilweise schon in den 1990er-Jahren in den Neubau eingestiegen waren – vor der Herausforderung, bei hohen Baukosten, wenig Eigenkapital und im Vergleich mit früheren Jahrzehnten geringerer öffentlicher Förderung Mieten zu realisieren, die nicht nur für Mittelschichtshaushalte bezahlbar sind.

Die Rückkehr der Wohnungsfrage als einer drängenden sozialpolitischen Herausforderung hat sich seit der Finanzkrise von 2008 dadurch beschleunigt, dass städtischer Wohnraum noch stärker als zuvor als Finanzanlage genutzt wird. Wohnprojektneugründungen des letzten Jahrzehnts verstehen sich daher oft auch als explizites Gegenmodell zu dieser „Betongold“-Verwertungslogik. Dies gilt insbesondere auch für Projekte im Verbund des Mietshäuser Syndikats, das Anfang der 1990er-Jahre in Freiburg entstand und nach der Jahrtausendwende Dutzende von Projekten im ganzen Bundesgebiet hinzugewonnen hat. Die Gründer:innen des Syndikats erdachten (inspiriert u.a. von konzeptionellen Entwürfen des wohnbund-Mitgründers Klaus Novy) ein Verbundsystem aus GmbHs mit gegenseitigen Vetomöglichkeiten, um die Möglichkeit der Selbstauflösung durch die Projektmitglieder auszuschließen, die bei Kleinstgenossenschaften erfahrungsgemäß gegeben ist. „Ein uneheliches Kind der Genossenschaftsbewegung“ nannte es einer der Gründer bei der Verleihung des Klaus-Novy-Preises für Innovationen beim genossenschaftlichen Bauen und Wohnen im UN-Jahr der Genossenschaften 2012, bei dem das Mietshäuser Syndikat passenderweise die Hauptauszeichnung erhielt (vgl. wohnbund-Informationen 2012/1).

Beim Verkauf von bewohnten Bestandsgebäuden ist es in einigen Städten mittlerweile erprobte Praxis, dass der Versuch unternommen wird, seitens Syndikats- oder genossenschaftlicher Strukturen eine Alternative zur Verdrängung von Mieter:innen zu ermöglichen. Damit wird an die Themen und Anliegen der ersten Altbau-Genossenschaftsgründungen im wohnbund-Umfeld angeknüpft. In diesem Bereich ist beispielsweise die SoWo Leipzig eG (gegründet 2017) aktiv, die sich ebenfalls als Dachgenossenschaft versteht, die den Rechtsform- und Verwaltungsaufwand für je nach Wunsch der Bewohner:innen mehr oder weniger stark selbstverwaltete Wohnprojekte bzw. Hausgemeinschaften bündelt. Das tut auch die Ko-Operativ eG NRW aus Bochum (gegründet 2016), die Neubau- und Umnutzungsprojekte an verschiedenen Orten in Nordrhein-Westfalen realisiert (vgl. Kurzportraits). Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer zwischen „jungen“ Genossenschaften (von denen einige jedoch bald selbst ihr 40-jähriges Jubiläum feiern können) finden im Rahmen des wohnbund seit vielen Jahren in einer entsprechenden Arbeitsgruppe (AG Junge Genossenschaften) statt.

In der jüngsten Vergangenheit haben sich im Tätigkeitsfeld des wohnbund globale Verwerfungen unmittelbar niedergeschlagen: Die Corona-Pandemie hat eindringlich an die Bedeutung von sicherem und lebenswertem Wohnraum erinnert, Inflation und Zinsanstiege haben die Finanzierung von Wohnungsbau und -sanierung zuletzt zu einer Art Quadratur des Kreises gemacht, und mit der Klimakrise als überragender Herausforderung unserer Zeit ist auch das Wohnungsthema aufs Engste verknüpft. Letzterem hat sich der wohnbund 2022 mit einer Fachtagung und einem Themenheft der wohnbund-Informationen angenommen. Weitere Publikationen und Veranstaltungen (die wie in den Jahrzehnten zuvor oft gemeinsam mit Partnerorganisationen durchgeführt wurden) haben sich wieder der Wohnungspolitik im engeren Sinne zugewandt, etwa die digitale Fachkonferenz „GemeinGut Stadt“ im Vorfeld der Bundestagswahl 2021. Die Geschäftsstelle ist 2022 an ihren mittlerweile vierten Standort Leipzig umgezogen, wo eine vergleichsweise junge Wohnprojekteszene ein inspirierendes Umfeld bietet. Der wohnbund will weiterhin eine starke bundesweite Stimme für ein ambitioniertes Verständnis von genossenschaftlicher Wohnungsversorgung sein. Die Kernidee von Selbstverwaltung ernst zu nehmen heißt, weiterhin vielfältige organisatorische Dächer für vielfältige Wohnbedürfnisse zu schaffen.