Belastbare Prognosen sind bekanntlich schwierig. Sieht man jetzt an den notdürftigen Wohnverhältnissen in Japans Krisenregion. Natürlich hat das überhaupt nichts mit uns zu tun, aber ... welche wohnpolitischen Konsequenzen wird die nächste für Mitteleuropa relevante Krise haben? Eine Ansiedlung von Auswanderern/Flüchtlingen aus Nordafrika ist zum Greifen nah, muss aber nicht zwingend kommen. Menschenunwürdige Notunterkünfte an der A 2 in Hannover sind in Vorbereitung; es gibt scheinbar Wohnungs- bzw. Unterkunftsmangel. Fazit: Auch bei einem sehr entspannten Wohnungsmarkt haben wir wegen einer erforderlichen Krisenreserve generell einen latenten Mangel. Abreißen von Bestandswohnungen und Rückzug aus der Fläche ist nicht unbedingt der richtige Weg.
Es gibt einen beobachtbaren Rückzug von älteren Kleinfamilien aus zu groß gewordenen Einfamilienhäusern in gut situierte Wohnanlagen in der Stadt; ein Beispiel ist wohl das innerstädtische Neubauquartier Q´Artis. Man gibt nach Jahrzehnten sein komfortables Einfamilienreihenhaus aus den 50er Jahren in Hemmingen auf und zieht in eine ebenso komfortable, aber wesentlich kleinere Eigentumswohnung in fußläufiger Entfernung zur Kultur in der City. Wer kann sich das leisten und ist das ein Massenphänomen? Was weiß man über die Nachnutzung der verlassenen Wohnungen in der Umgebung: Werden diese innerhalb der Familie an die jetzt erwachsenen Kinder weitergegeben, günstig an andere junge Familien verkauft oder stehen die nutzlos leer? These: In die Stadt (zurück) ziehen werden nur diejenigen, die sich das überhaupt leisten können und die zugleich einen kulturellen Bezug zur Stadt haben. Wer sich eine Stadtwohnung nicht vom Einkommen (Rente) leisten kann bzw. sich vom Erlös des Einfamilienhauses nicht neu einkaufen kann oder am Stück Garten als Freizeitbeschäftigung hängt, wird am peripheren Standort bleiben. Das dürfte die Mehrheit sein? Durch den Zurückzug in die Städte wird es nicht zum massenhaften Leerstand im Einzeleigentum am Rande der Städte kommen; das kann bei zurückgelassenen Mietwohnungen – insbesondere außerhalb der Stadtbahnerschließung im rein autoaffinen Bereich – anders sein.
Durch die wechselnde Höherbewertung oder Entwertung von randständigen Einfamilienhausstandorten kann es an teuren Lagen zu einer Entmischung kommen, wenn nur noch gut betuchte Familien als Nachnutzer in Frage kommen. An durch Lärm von Autobahn und Flugzeugen entwerteten Standorten kann und wird es dazu führen, dass hier (untere) Mittelschichtsfamilien aus dem städtischen Mietwohnungsbestand nachziehen, die sich als Schicht ein eigenes Haus noch vor wenigen Jahrzehnten gar nicht leisten konnten; darunter wahrscheinlich auch Nachnutzer mit Migrationsvordergrund. Tendenz eher Mischung.
Dr. Ronald Kunze, 1.4.2011